Mehrgenerationenhaus

Als ich über Mehrgenerationenhäuser nachgedacht habe, hatte ich daran gedacht, wie einsame Seniorinnen und Senioren von der Lebensfreude kleiner Kinder profitieren könnten. Ich habe darüber nachgedacht wie geduldig Oma und Opa gegenüber ihren Enkelkindern sein können. Wie die Augen leuchten, wenn sie gemeinsam spielen, Spökes machen, bunte Bilder malen, basteln zu allen denkbaren Anlässen, singen, lachen und einander zuhören. Ich habe darüber nachgedacht, wie sie voneinander lernen können und damit meine ich nicht irgendwelche komplizierten Origamitechniken. Mir gefiel die Vorstellung, dass die Kinder lernen mit den Augen von Oma und Opa zu sehen oder Oma und Opa mit den Augen der Kinder zu sehen – eine Empathie zu entwickeln.

Je mehr ich darüber gelesen habe und mich damit beschäftigt habe, habe ich erkannt, dass ein Mehrgenerationenhaus ein Ort sein kann an dem ALLE (jung, alt, mittelalt…) voneinander lernen können.

Man hat oft das Gefühl, dass die Zeit rennt, insbesondere wenn man über die Digitalisierung und die technischen Entwicklungen nachdenkt. Für die Kleinen ist der Umgang mit einem Handy fast schon in die Wiege gelegt, die Seniorin/der Senior weigert sich vielleicht noch das „Ding“ anzufassen – „Kenn ich nicht, will ich nicht.“

Auch die kulturellen Veränderungen beschäftigen die Menschen zunehmend. Für die Kinder ist es schon fast normal, dass in der Klasse auch Kinder mit Migrationshintergrund sitzen und die Mutter der besten Freundin ein Kopftuch trägt. Für ältere Menschen ist es vielleicht eher befremdlich, wenn die Nachbarn gerade ausgiebig das Zuckerfest feiern.

Es gibt mittlerweile so viele unterschiedliche Lebensformen – unabhängig von der religiösen oder kulturellen Einstellung -, über die viele schon nicht mehr nachdenken, weil diese Vielfalt einfach „normal“ für sie geworden ist

 „Ja, auch so kann man ein glückliches Leben führen.“  

Aber es gibt auch die, für die ist es nicht normal zwei Mütter oder zwei Väter zu haben oder eine alleinerziehende Mutter, einen alleinerziehenden Vater zu haben, in einer Patchworkfamilie zu leben oder mal ein Mann bzw. eine Frau gewesen zu sein. Es ist befremdlich für sie, wenn ein Liebespaar unterschiedliche Hautfarben hat, die Frau Karriere macht und der Mann den Haushalt schmeißt, sie können es nicht verstehen wie man das Zuckerfest und Weihnachten feiern kann.

Doch wie bringt man all diese Ängste, Erfahrungen, Weltanschauungen, Religionen, Kulturen zusammen und wie kann man es erreichen den anderen so zu sehen, wie er ist – als Mensch mit seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen vom Leben?

In einem Mehrgenerationenhaus!

Das Mehrgenerationenhaus ist mehr als nur „Alt und Jung“, es bietet die Chance aufeinander zuzugehen, voneinander zu lernen und einander zu verstehen, zu akzeptieren und zu respektieren.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert aktuell bundesweit rund 540 Mehrgenerationenhäuser.

Dabei werden insbesondere folgende Querschnittsziele verfolgt (Auszug aus www.mehrgenerationenhaeuser.de ) :

„Generationenübergreifende Arbeit“

Das Miteinander der Generationen gibt den Mehrgenerationenhäusern nicht nur ihren Namen. Im konkreten Tun – sei es bei Computerkursen, beim gemeinsamen Kochen oder bei der Kinderbetreuung – wird der generationenübergreifende Ansatz gelebte Wirklichkeit: Die Generationen kommen zusammen, profitieren voneinander, sind gemeinsam und füreinander aktiv. Als generationenübergreifend arbeitende Einrichtung ist das Mehrgenerationenhaus offen für alle Menschen: Jung und Alt lernen hier gegenseitige Rücksichtnahme, Toleranz und Verantwortung. Durch die Begegnung und den Austausch entsteht die Gelegenheit, Neues zu entdecken und sich aktiv einzubringen. Hier finden Menschen Anregung und Unterstützung, können gemeinsam mit anderen neue Sichtweisen entwickeln und sich unkompliziert einbringen.

„Sozialraumorientierung“

Sozialraum meint das Wirkungsgebiet des Mehrgenerationenhauses. Das kann die unmittelbare Nachbarschaft sein, der Stadtteil, die Gemeinde oder ein Landkreis. Sozialraumorientierung bedeutet, die Angebote des Mehrgenerationenhauses auf die Bedürfnisse der Menschen auszurichten, die in seinem Wirkungsgebiet leben. Dabei gilt es, bereits vorhandene Strukturen und Angebote einzubinden und mit der Arbeit der Mehrgenerationenhäuser zu verknüpfen, um gemeinsam die Lebensqualität im Sozialraum zu verbessern.

„Freiwilliges Engagement“

Das Mehrgenerationenhaus ist ein Ort, an dem Menschen sich entsprechend ihren Interessen und Fähigkeiten engagieren können – für das Wohlergehen von Menschen unterschiedlicher Generationen, Kulturen und verschiedener Lebenslagen. Erst durch die zahlreichen freiwillig Engagierten wird die Vielfalt an Angeboten und Aktionen im Mehrgenerationenhaus möglich. Sie werden dabei von hauptamtlich Tätigen gestärkt, unterstützt und begleitet. Mehrgenerationenhäuser vermitteln zudem Freiwillige an andere, verzahnen Akteure und Strukturen des bürgerschaftlichen Engagements vor Ort und stärken so die Wertschätzungskultur für freiwilliges Engagement.

Ich finde, das ist eine gute Sache – warum nicht auch für Selm?!

Derzeit gibt es im Kreis Unna drei vom Bund geförderte Mehrgenerationenhäuser – alle drei in Unna. Ich denke, dass das ausbaufähig ist und unabhängig einer Förderung durch den Bund eine Möglichkeit ist für mehr Akzeptanz, mehr Rücksicht und Verständnis füreinander zu sorgen. Für mich ist der Schlüssel zu einem besseren Miteinander die Kommunikation, das Reden miteinander und nicht übereinander. Ein Mehrgenerationenhaus kann hierfür eine ideale Plattform bilden.